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SCHATTEN

scate · scatewe · scaten · ahd./mhd. · m. Wo das Licht nicht hinkommt. Auch: was bleibt, wenn niemand zusieht. Auch (selten, oberitalienisch): was wir sind, solange wir niemand sind.

Fragment 02.A Volkslied · Pustertal · vermutet 16. Jh.

Ein Mann ging über den Berg, und niemand sah ihn.
Ein Mann kam wieder, und niemand sah ihn.
Ein Mann starb in der Burg, und niemand sah ihn.

Aber die Burg, die ihn sah, ist noch da.
Und sie hat sich nichts gemerkt.

Mündlich tradiert, schriftlich erstmals 1834 von einem Pfarrer in Bruneck festgehalten. Er notiert dazu: „Wird in der Gegend nicht gerne gesungen. Die alten Leute sagen, das Lied wisse mehr, als es soll."
Fragment 02.B Genealogie-Forum / familysearch-talk · 2024 · Thread #88412

Ich versuche seit vier Jahren, eine Familie namens Falcone zu rekonstruieren, die laut zweier Quellen 1463 von einem König mit einer Burg in den Dolomiten belehnt worden sein soll. Castel d'Ombra. Das Problem: die Burg existiert. Sie steht da, sie ist katastriert, sie ist seit dem 19. Jh. in zwei verschiedenen Besitz-Konstellationen.

Aber die Familie selbst — nichts. Nicht in den Tiroler Landtafeln. Nicht in den habsburgischen Lehensregistern. Nicht in den Pfarrmatrikeln. Nicht in den Steuerlisten. Drei Jahrhunderte lang null Spuren. Ich rede von 1463 bis ungefähr 1840. Acht Generationen.

Das ist statistisch kaum möglich, außer jemand hat sehr systematisch dafür gesorgt, dass es so aussieht.

Wenn jemand etwas hat, bitte schreibt. Ich werde langsam paranoid.

↳ Antwort: „Hör auf zu suchen. Im Ernst. Hör auf." — gepostet 2 Tage später, Account inzwischen gelöscht.

Fragment 02.C Inschrift, transkribiert von einer Türschwelle, Castel d'Ombra · 1898

Auf der Innenseite des Türsturzes, in fünf Zeilen, mit einer Klinge oder einem Meißel eingelassen, in dunklem Eichenholz:

Sei niemals der erste Name auf der Liste.
Sei niemals der letzte.
Sei niemals auf der Liste.
Sieh, wer schreibt. Sieh nicht zurück, wenn du gesehen wirst.
Im Schatten siegen wir.

Die letzte Zeile, im Original Latein: IN UMBRA VINCIMUS.

Aufzeichnung des Tiroler Heimatforschers Eduard Köllner, posthum veröffentlicht 1924. Köllner notiert: „Ich habe das gesehen und ich habe es abgeschrieben. Ich habe der Familie, die das geschrieben hat, nicht ins Gesicht geschaut." Köllner verschwindet 1907 spurlos auf einer Wanderung in den Dolomiten.
Fragment 02.D Schwarzes Notizbuch · ohne Eigentümer · Sammlung Privat, München

[Seite 23 — die obere Hälfte ist herausgeschnitten, sauber, mit einem scharfen Werkzeug. Was bleibt:]

… und so haben wir entschieden, nicht zu erscheinen. Nicht in den Zeitungen. Nicht in den Volkszählungen. Nicht in den Briefen anderer Familien, die unseren Namen schreiben könnten. Wir verschwinden in das, was wir ohnehin nicht waren.

Drei hundert achtzig Jahre haben wir gewacht und nicht gewunken. Es ist ein guter Stand der Dinge.

Wer uns sieht, hat uns falsch gesehen.

Erworben 1971 in einem Antiquariat in Bozen. Eigentümer-Eintrag entfernt. Datum der Niederschrift unbekannt, geschätzt 19. Jh., zweite Hälfte.
Fragment 02.E Postkarte · Wien · Mai 1944

Liebe S.,

ich werde dieses Jahr nicht mehr nach Hause kommen. Bitte erzähl es niemandem, der nicht ohnehin schon Bescheid weiß. Ich habe in der Stadt etwas zu tun, das mehr Zeit braucht als ich dachte.

Ich habe ein Buch begonnen. Es wird kein Buch sein, das jemand kaufen wird. Es ist eher ein langer Brief, den ich an niemanden bestimmten richte und auf den ich auch keine Antwort erwarte.

Manchmal denke ich, das ist die ehrlichste Form zu schreiben, die es gibt.

Behalte das Lied bei dir.

F.

Gefunden 2008 in einem Stoß Korrespondenz, der zur Restauration eines Hauses im 8. Bezirk auftauchte. Empfängerin und Absenderin nicht identifiziert. Verfasst von einer jungen Komponistin, deren bürgerlicher Name aus der Akte gestrichen wurde.
Fragment 02.F Erinnerung · transkribiert 1987

„Ich habe einmal, ich glaube 1962 oder 1963, in einer Pension in Toblach einen alten Herrn getroffen, der sehr leise sprach. Er hat mir, als ich ihn nach dem Weg gefragt habe, eine Sache gesagt, die ich nie vergessen habe. Er hat gesagt: 'Junger Mann, der Schatten ist kein Mangel an Licht. Der Schatten ist eine Familie.'

Ich habe ihn ausgelacht. Er hat mich angeschaut, und in dem Moment habe ich aufgehört zu lachen, und ich weiß bis heute nicht, warum."

Erzählung eines pensionierten Postbeamten, Aufzeichnung im Volkskundemuseum, Signatur unbekannt.

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