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NACHRICHT

giruofī · ahd. · f. Was mitgeteilt wird, was anlangt, was hört. Auch: ein Ruf, der nicht ignoriert werden kann.

Fragment 01.A aus einem Manuskript ohne Titel

Es ist nicht das Wort, das gefährlich ist.

Es ist, dass es ankam.

Wer Nachricht hört, hört, was nicht gesprochen wird.
Wer Nachricht trägt, trägt mehr als ihn.

Wir reden in dem Alphabet, das übrig blieb,
als die anderen aufhörten zuzuhören.

Codex Falcone, fol. 14r (?). Pergament, oberitalienisch, vermutlich Ende 15. Jh. Echtheit umstritten. Vier bekannte Abschriften, alle privat, keine signiert.
Fragment 01.B Forum / r/CrypticMail · vor 11 Tagen · u/lillafee

hat noch jemand so eine karte gefunden?

mein bruder hat sie aus einer telefonzelle gezogen, neben dem westbahnhof. kein absender, keine erklärung. einfach ein wort drauf: NACHRICHT. und unten klein eine domain: cityofshadows.wien

ich habe gegoogelt. nix. der server existiert, aber wenn du draufgehst, willst du email eintragen. das ist alles.

drei karten sollen im umlauf sein. NACHRICHT. SCHATTEN. WÄCHTER. ich kenne nur die erste.

falls noch wer eine hat — schreibt mir. ich glaube das ist eines von diesen ARGs aber es fühlt sich nicht so an. es fühlt sich an als hätte das schon vor uns stattgefunden.

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Fragment 01.C aus einem Brief, datiert 1493, Empfänger unbekannt

Mein hertzlieber Sohn.

So dir dieser Brief unter die Augen kommt, bin ich verschieden oder so matt, daß die Feder mir nicht mehr gehorcht. Ich nehme dich für den Ältesten und allein, wenn du ihn liesest. Steht einer bei dir, so heiße ihn fortgehen. Was hier geschrieben steht, hat keinen anderen zu wissen.

Drei Worte habe ich in das Eichenholz der Tür schneiden lassen, an der man eintritt. Ich hab die Tür also hängen lassen, daß man die Worte nicht meiden kann. Lerne sie auswendig. Lerne, was sie wahrhaftig sagen, nicht, was sie zu sagen scheinen.

Das erste lautet: NACHRICHT. Mein Sohn, dies Wort meint nicht, was die Leut' meinen, wenn sie es sprechen.

Es meint, daß einer uns sucht. Allezeit. Auch in dieser Stund', da du die Zeile liesest, sucht einer. Wer es ist, sollst du nicht wissen, und das ist Gnade. Du sollst allein wissen, daß es ihn gibt. Kommt er nah, wirst du es nicht hören wie eine Glocke und nicht sehen wie einen Schatten an der Wand. Du wirst es spüren wie man in der Stube eines Bekannten spürt, daß er Sorge trägt, eh er es sagt — als sei ein Wandel in der Luft, von dem die Luft nichts weiß.

Wir sind, die hören, was nicht gesprochen wird. Es ist uns Pflicht und Buße in einem, und wer einmal so hört, hört nimmermehr auf.

Gegeben zu Castel d'Ombra am Tag des heiligen Bartholomäus,
im Jahr unsers Herren MCCCCXCIII.

Maurice de Falcone, mit seiner letzten Hand.

Privatbesitz. Erstmals erwähnt 1814 in einem Inventar der Bibliothek von Castel d'Ombra. Original verschollen.
Fragment 01.D Auktionskatalog Sotheby's London · Frühjahr 1923 · Lot 487

Lot 487. Zwei kleine Holzfragmente, vermutlich aus einer Türschwelle oder einem Türsturz, oberitalienisch, 15. Jh. Eichenholz, dunkel patiniert, einseitig eingeritzt.

Fragment a) Inschrift in althochdeutschen Lettern: NACHRICHT. Klar lesbar. Verbrannte Kanten an drei Seiten, möglicherweise aus einem Brand gerettet.

Fragment b) Inschrift teilweise zerstört, vermutlich SCHATTEN oder SCHATTEN[…]. Schwer leserlich.

Provenienz: Sammlung A. Hofstetter, Innsbruck, vor 1898. Davor: unbekannt. Ein drittes Fragment derselben Reihe ist im Inventar genannt, gilt aber als verloren.

Schätzung: £ 60. Verkauft für £ 4.200 an einen anonymen Bieter, telefonisch, identifiziert nur als „ein Kunde aus Wien".

Fragment 01.E Linguistische Fußnote · Zeitschrift für deutsche Wortforschung · 1962

Bemerkenswert ist die Form giruofī, die in keinem der einschlägigen Korpora belegt ist und die nur in nichtkanonischen Quellen — vornehmlich in privaten Manuskripten oberitalienischer Provenienz — auftaucht. Sie scheint eine bewusste Bildung zu sein, möglicherweise eine Geheimform, deren Funktion nicht in der Mitteilung selbst liegt, sondern in der Erkennbarkeit unter denen, die sie zu lesen wissen.

Der Verfasser dieser Notiz hat in zehn Jahren der Recherche genau drei Wörter dieser Art gefunden. Das vorliegende ist das erste.

H. M., München, 1961
Fragment 01.F eine Postkarte, gefunden in einem Antiquariat, Wien-Neubau, 2025

An niemanden.

Ich habe heute auf Seite siebzehn etwas gesehen, das nicht da sein dürfte. Ein Wort. Es war mit Bleistift unter den Druck gelegt, sodass man es nur sieht, wenn man das Papier gegen ein Licht hält. Es lautet:

NACHRICHT.

Ich werde nicht weiterlesen. Heute nicht. Morgen vielleicht.

Und falls Sie das hier finden — Sie haben jetzt eine Wahl, die ich Ihnen nicht erklären kann.

Ohne Datum, ohne Absender, ohne Adresse. Beschriftet in Bleistift, kleine Handschrift. Kein Stempel, also nie verschickt.

Drei Karten sind im Umlauf.

Du hältst die erste.

Trag dich ein. Du erfährst, wann das Spiel öffnet.